Mittwoch, 16. November 2011

Reine Nervensache

Letzten Montag hatte ich ein wichtiges Gespräch mit meiner Sozialbetreuerin von meiner beruflichen Reha, welche ich aus zwei Gründen vorzeitig beenden werde:  1) meine Belastungsgrenze ist für eine Vollzeitbeschäftigung (welche Grundvoraussetzung für die von mir angestrebte Umschulung ist) noch nicht ausreichend und 2) ich bin schwanger.

Wenn ich mit Menschen über meine Vielheit reden muss, die innerhalb unseres Systems keinen Vertrauenstatus besitzen, so sind derartige Gespräche immer arg ambivalent und sehr schwer aushaltbar. Selbst unter dem Aspekt, dass ich mich weitesgehend daran gewöhnt habe, über meine Vielheit zu reden und die meisten Anteile sich mit eben jener abgefunden haben. Doch es ist nach wie vor schwer, dass sich ein außenstehende Mensch eben den Vertrauensstatus bei uns verdienen kann. Die Sympathie für eben jene Menschen ist hierbei nicht der ausschlaggebende Punkt, wobei es natürlich von Vorteil ist, wenn jene Person die Mehrheit des Systems für sich gewinnen kann. Doch sind ganz bestimmte Teile nicht unter den Sympatisanten, so hat der Andere schon von vornherein verloren, selbst wenn dreiviertel des Gesamtsystems auf dessen Seite steht.

Dies mag vielleicht irritierend und unverständlich klingen, doch auf Grund dessen ist es eben möglich, mit den "richtigen" Leuten über uns zu reden, auch wenn man jenen nicht wirklich vertraut. Besonders im Sinne meines Reha-Prozesses ist dies von enormer Wichtigkeit. Denn auf dem Weg für meine berufliche Neuorientierung bin ich schon auf einige Menschen gestoßen, mit denen ich unter anderen Umständen niemals reden würde. Eine von jenen Menschen war meine erste Reha-Beraterin (2010, noch erträglich gewesen) von der Rentenstelle (sie löste regelrechte Wutanfälle aus, die enorme Konzentration in der Erschaffung der Schutzwälle verlangte) und eine Zweite, welche meine erste Psychologin während meiner ersten Trauma-Behandlung (2007, unerträglich) in einer psychosomatischen Klinik war. Mit dieser Dame flogen grundsätzlich während der Sitzungen die Fetzen, die mir auch immer noch ein Extra-Gespräch bei der Oberärztin der Station einbrachten.

Bei meiner aktuellen Sozialbetreuerin für meine berufliche Reha hab ich zwar nicht solch gravierende Probleme, doch sie reichen aus, dass ein verschärftes Durchgreifen innerhalb des Systems notwendig ist, um den weiteren Weg für meine berufliche Wiedereingliederung zu sichern. Und eben jetzt am Montag hatte ich erstmals ein Gespräch mit ihr, dass mich etwas auftauen ließ und zur Beruhigung des Systems beitrug.

Klar, wenn man so exotisch ist, wie ich es bin, ist man es gewöhnt, ständig von Menschen umgeben zu sein, die keine Ahnung haben, wie man sich fühlt und wie schwer es ist, mit anderen Menschen klar zu kommen. Auch, warum bestimmte Dinge rigeros zum eigenen Schutz abgelehnt werden, um das eigene emotionale Überleben zu sichern. Wobei es natürlich immer angenehm ist, wenn der Andere wenigstens versucht, zu verstehen, warum bei mir einiges anders funktioniert als bei den meisten anderen Menschen. Nur wenn durch jenem Menschen ziemlich viel abhängig ist, mein großes Ziel zu erreichen, ist es bisweilen nach wie vor einfach nur belastend mit einem enorm hohen Streßfaktor.

Eben eine reine Nervensache.