Man könnte annehmen, dass nach all den Jahren, die wir uns nun schon miteinander beschäftigen, es eine Einigung darüber gibt, was für einem Führungsstil wir folgen. Tatsächlich gibt es auch einen einheitlichen Führungsstil. Nur wird dieser immer wieder in Frage gestellt. Auch kommt dadurch hin und wieder die Frage auf, ob es nicht doch ein Scheinführungsstil sei - wird doch unser Host (auch wenn wir diesen Begriff nicht ausstehen können) ständig von uns in die Enge getrieben, dass wir eine andere Führungsmethode haben wollen und sie zwingt uns eben jene auf, die sie für richtig erachtet.
Sie möchte Demokratie. Wir eine "Diktatur".
Diktatorisch hat sie entschieden, dass wir eine Demokratie haben.
Mhmm. Das "dumme" an dieser Geschichte ist, dass sie damit sehr viele Fliegen mit einer Klappe schlägt. Immerhin wollen wir ja alle von ihr, dass sie uns "führt". Was sie auch tut. Sehr gut sogar. Auch wenn sie weiß, dass sie oft Murren erntet, wenn sie wieder mit ihrem demokratischen Zeug anfängt. Doch hey! Keine Ahnung, wie sie das macht, doch es ist einfach super! Weil es funktioniert und Frieden herrscht. Ein Frieden, den wir wirklich alle für schier unmöglich hielten. Und mittlerweile stört uns das mit der Demokratie nicht mehr so sehr.
Naja gut. Es gibt nach wie vor Situationen, in denen wir uns wünschen würden, wir hätten keine Demokratie. Grad wie in dieser Zeit, wenn einer der Großen unpäßlich ist und wir Kleinen alle mitanpacken müssen. Sicher, seit wir angefangen haben, zusammen zu wachsen, geht alles iwie leichter, doch sind grad die Spezialitäten der Großen für uns schier unmöglich umzusetzen. Denn: logisch ist doch: könnten wir dies, wären wir ja auch so "groß". Sind wir aber nicht.
Und genau an diesem Punkt kommt es zur Uneinigkeit mit dem Host. Wie immer stellt sie sich schützend (obwohl sie kein Beschützer-Anteil in dem Sinne ist) vor den- bzw. diejenige, der/die ne Pause braucht und mahnt uns anderen an, dass wir nur zusammen stark sind und uns ebenso um die mit zu kümmern haben, die dieses eben nicht selbst können. Und seit es vor einiger Zeit aufkam, dass auch die Großen sich mal ne Auszeit nehmen dürfen, wäre beinahe wieder Panik und Chaos ausgebrochen.
Es gibt vier Anteile (inkl. Host), die den Laden schmeißen. Vor ca. zwei Jahren fing das an, dass die Aufgaben innerhalb des Systems verschoben wurden. Zuerst war es nur unter den vieren selbst. Doch dann... Oh Schreck.... traten sie auch an uns heran. Es gab tatsächlich auch welche, die das gut fanden und mitmachten und versuchten, sich in ihre neuen Aufgaben einzuarbeiten. Auch als das mit den Konferenzen anfing und plötzlich jederTeil mitreden durfte, was so passiert da draußen, war die Skepsis und das Misstrauen groß.
Rückblickend kann man schon sagen, dass die Sache mit der großen Umstrukturierung erst richtig mit dem Aufkommen der Konferenzen kam. Ich weiß noch genau, wie es war, als sie uns alle das erste Mal zu sich bat. Es war anders als sonst, wenn sie versuchte, Kontakt aufzunehmen. Ganz anders. Sonst tat es weh. Diesmal nicht. Sie redete einfach nur - mit Worten und Bildern.
Ich selbst traute mich nicht heraus. Ich blieb in meinem Versteck und beobachtete alles. Ich konnte sehen, wie sie nach und nach alle hervor kamen und langsam in ihre Richtung gingen. Und als die ersten bei ihr eintrafen, hieß sie sie willkommen und fragte, wie es ihnen ginge und ob sie was bräuchten. Keiner sagte was. Sie starrten sie nur an. Also sprach sie weiter. In diese Schwärze vor ihr. Sie erklärte uns genau, was sie da tat und was es zu bedeuten hatte. Immer und immer wieder sagte sie das. Sie sagte uns auch, warum sie es immer und immer wieder sagte.
Die anderen drei standen hinter ihr. Zwei links, eine rechts. Manchmal flüsterten sie ihr was zu und manchmal, manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich, auch wenn ich einiges weg war von jenem Ort, sie wusste, dass ich sie genau beobachte. Ich bildete mir manchmal sogar ein, dass sie nur zu mir sprach. Dass sie mich ansieht. Dass sie sich freuen würde, über mein Dasein und das sie sich freuen würde, wenn ich wieder zu ihr kommen würde und ihr verzeihen würde. Ich dachte nur immer: ich spinne. Mehr nicht.
Ich weiß nicht, wie lange es wirklich dauerte, bis der Tisch, der anfangs im Konferenzsaal (der da mehr ein einfacher Raum statt Saal war) stand, voll war und sie einen Größeren holten. Manchmal bin ich dort und höre zu. Zu reden weiß ich kaum was, doch inzwischen fühle ich mich ganz wohl da. Sie diskutieren über alles mögliche. Ständig wird iwas (ganz demokratisch) abgestimmt. Die meisten wissen inzwischen Bescheid, haben ihren Schock hinter sich, dass wir Viele sind. Nur ganz wenige sind noch im Dunklem. Sie wollen nicht - wir lassen sie. Demokratie eben. Doch die "Grenze" wird scharf bewacht - das ist von früher geblieben. Nur heute versucht kaum einer mehr, "auszubrechen". Alle halten sich an unsere Abstimmungen. Bis auf die wenigen Ausnahmen dort im Dunklem.
Mhmm... Das mit der Demokratie ist so eine Sache. In irgendeiner Form gibt es sie hier bei uns - auch wenn ihr manchmal diktatorisch auf die Sprünge geholfen werden muss.